Wie hatte ich mich auf diesen Abend gefreut. Zum ersten Mal konnte ich einer größeren Menge drei meiner selbstgeschriebenen Werke präsentieren. Aufgeregt war ich nicht, der Tag stand am Abend zuvor unter einem guten Stern. Ich war mir sicher, es würde toll werden.
Der aufmerksame Leser wird bereits gemerkt haben, dass der Konjunktiv die ersten Zeilen beherrscht. Leider muss ich ihn an dieser Stelle verwenden, da aus dem erhofften Auftritt leider nichts wurde. Am gestrigen Morgen war ich nämlich krank. Unverhofft und unerwartet. So ließ ich die Schule mal ausfallen und damit eben leider auch einen Auftritt.
Um in diesem Beitrag trotzdem etwas präsentieren zu können, folgt die Kurzgeschichte die ich vorgetragen hätte, wenn ich nicht krank gewesen wäre – Konjunktiv finde ich toll :)
Fünfzehn
An der ersten Haltestelle stieg er ein. Er setze sich auf einen Platz in der Mitte des Busses. Dieser setzte sich langsam wieder in Bewegung. Der Mann zog den Reißverschluss seiner Jacke hinunter, jedoch nur so weit, dass man nicht sehen konnte, was sich darunter verbarg. Er machte ein angestrengtes Gesicht, als er die anderen Menschen um sich im Bus ansah. An der zweiten Haltestelle stiegen weitere Leute ein und es würden noch mehr werden, das wusste er. Er betastete den Gurt um seinen Oberkörper, mit dem die Bombe befestigt war. Er würde sie zünden, das war sein Auftrag. Würde er ihn erfüllen und somit Ungläubige eliminieren, würden zweiundsiebzig Jungfrauen im Paradies auf ihn warten. An den Haltestellen drei, vier und fünf stieg niemand ein oder aus. Er freute sich auf das Paradies, auf die Schönheit und den Frieden, die dort herrschen würden. Angst hatte er nicht. Er wusste, es würde nicht wehtun, er würde es gar nicht spüren. An der sechsten Haltestelle stieg eine junge Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm ein. Es sah ihn kurz an und lächelte ein Kinderlächeln. Er lächelte zurück. Zum ersten Mal hatte er Zweifel an seinem Auftrag. Wie konnte ein so junges Kind ein Ungläubiger sein? Glaubte es überhaupt etwas? Und wenn, wusste es dann, an wen oder was es glaubte, oder hatte man es ihm nur so beigebracht? Würde er für den Tod eines solch kleinen Wesens verantwortlich sein? Wieder betastete er den Gurt. An der Bombe befanden sich zwei Knöpfe. Einer für den Auslöser, ein zweiter, um die Bombe zu entschärfen – für den Notfall, falls er in Schwierigkeiten geriet und sie schnell loswerden musste. Entschärft konnte sie auf den Boden fallen, ohne vielleicht doch zu detonieren. Drei Haltestellen dachte er darüber nach, bis er an der neunten war. Der Bus füllte sich immer mehr und war vom Stadtzentrum nicht mehr weit entfernt. Unter den neuen Fahrgästen befand sich ein Faschist. Er war nicht schwer zu erkennen, Leute wie er wollen als die erkannt werden, die sie sind. Missbilligend sah ihn der Rechte an. Ausländer raus! war wohl sein erster Gedanke. Den Mann kümmerte dies nicht weiter. Sein Entschluss stand fest. Solche Menschen müssen wirklich eliminiert werden und es gibt davon noch mehr, ob sie sich nun als solche zeigen oder nicht. Die meisten Menschen sind böse. Er würde seinen Auftrag erfüllen. Gefühle für ein ihm fremdes Kind durfte er als Gotteskrieger nicht empfinden. An der fünfzehnten Haltestelle würde er den Knopf für den Auslöser betätigen. An der dreizehnten Haltestelle wurde er zunehmend nervöser. Nicht, weil er Angst hatte, sondern weil er bald im Paradies sein würde. Nur noch zwei Haltestellen, dann war es soweit. An der nächsten stieg genau vor ihm eine Gruppe Kindergartenkinder ein. Die fröhlichen Gesichter grinsten ihn an. So viel Freude auf einmal hatte er noch nie gesehen. Ihm kamen fast die Tränen, bei der Vorstellung, Unschuldige zu töten. Ja, sie waren unschuldig. Sein Blick huschte wieder zu dem Faschisten. Und wieder zu den Kindern. Er wusste nicht, was er tun sollte. Der Name der fünfzehnten Haltestelle wurde schon angesagt. Als der Bus zum Stehen kam, betätigte er einen Knopf.
Meine erste und bisher einzige Kurzgeschichte, weitere sollen folgen.
Liebe Grüße, liebe Leser
Lio